Ernesto - Kultur des Genusses

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Christus kam nur bis Eboli und Luigi Tecce schenkt ihm Aglianico ein!

Eine Luigi Tecce Story von Ernesto

Als Carlo Levi 1945 seinen autobiografischen Bericht “Christus kam nur bis Eboli” über die Zeit seiner Verbannung nach Aliano in der süditalienischen Region Basilicata schrieb, hätte er nicht gedacht, dass der önologische Christus noch viel weiter nördlich Halt gemacht hat. Irgendwo zwischen Montalcino und Orvieto. Schade, denn hätte er sich weiter nach Süden getraut, und die Provinz von Avellino besucht, hätte ihm Luigi Tecce seinen fantastischen Aglianico eingeschenkt.

“Weinbaugebiete wie Irpinia in Kampanien und Vulture in der Basilicata, mit so viel Weingeschichte, die kaum eine moderne Renaissance erlebt haben, sind eine Wiederentdeckung wert. Authentische Terroir-Weine und Rebsorten sind der Megatrend der Zukunft”, so Tecce.

Geboren und aufgewachsen in der Basilikata, eine Region in die Christus von Carlo Levi nie kam und wo einst der römische Dichter Horaz seine Aglianicoreben besang und deren Saft in Rom zum Trank des Kaisers machte, hatte ich mir schwer vorstellen können, einmal über den “Nebbiolo des Südens” auf Deutsch zu schreiben.
Die Inspiration war ein kürzlicher Besuch bei Luigi Tecce im kampanischen Weindorf Paternopoli. Luigi lernte ich 2006 kennen, als mich die Spuren des Aglianico in das sechzig Kilometer vom Vulturegebiet entfernte Taurasigebiet führten.

Tecce ist der Anarchist des Aglianico, passioniert, ein Winzerphilosoph, der auf seinem kleinen Bauernhof, einer “Masseria Campana” seinen Aglianico produziert. Die großteils über achzig Jahre alten Rebsorten gedeihen auf fünf Hektar, und sind mittlerweile in den Olymp der Rotweine Italiens gezogen - ein absolutes Muss für Weinfreaks, die die Herausforderung eines authentischen Weines suchen.

Luigi Tecces Winzergeschichte beruht auf Zufall und Emotionen. Sein Vater verstarb unerwartet im Alter von 58 Jahren. Dieser hatte bis Ende der 90er Jahre neben, “Hühnern, Kühen und Schweinen” mit seinen besten Aglianicotrauben die namhaften Winzer der Region, wie Mastroberardino und Feudi di San Gregorio, versorgt. Nach dessen Tod entschied Luigi sein bisheriges Leben als Wirtschafts- und Politikwissenschaftler für den Aglianico und die Masseria aufzugeben.

“So wenig Chemie wie möglich und ein reines Gewissen, mehr braucht ein guter Wein nicht. 2003 habe ich auf Drängen von Freunden dem Wein, den ich, wie schon mein Vater, für unseren eigenen Genuss gemacht habe, einen Namen gegeben”

Unfiltriert, keine gezüchteten Hefen, kein Arabischer Gummi, keine Sulfite sowie Entsäurung und Klärung - am Etikett das Bild des Polyphem, der Zyklop, der vom kleinen Mann durch den Wein besiegt worden war, prägen diesen italienischen Kulturwein!

Sein Taurasi Poliphemo ist ein Unikat, 5.200 Flaschen jährlich und 100 Magnum. Jedes Jahr ist einzigartig da jeder Jahrgang wetterbedingt unwiederholbar ist. Vor allem für Luigi, der mit einer rustikalen Spontangärung im offenen Holzbottich und ohne Temperaturkontrolle seine Weine produziert. 2008 ließ er Poliphemo 70 Tage gären, 2009 hingegen nur 56. Wie kann der Wein jedes Jahr gleich schmecken? Vielfalt, antikonformistisch, authentisch, in einem Wort: VERO AGLIANICO ist die passende Antwort auf die Austauschbarkeit sonstiger charakterlosen Massenweine.

Ein Besuch bei ihm ändert dein Leben, oder zumindest den Nachmittag, vor allem, wenn man ihm sympathisch ist und er den selbstgelagerten Caciocavallo Podolico Käse anschneidet!
Seine Bescheidenheit, sein Wissen und seine Eloquenz sind von einem römischen Dichter und er wirkt, als lebte er seit 2.000 Jahren in Paternopoli. Ich könnte ihm stundenlang zuhören. Auf die Frage, was seinen Wein so einzigartig macht, antwortet Luigi mit einem Zitat des großen Boxers Muhamed Ali: "Er fliegt wie ein Schmetterling und sticht wie eine Biene."
“Der Aglianico Poliphemo 2008 war der großartigste Aglianico überhaupt, 2011 und 2012 riskieren auf diesem Wege zu sein. Ein zeitloser Tropfen, der von den großen Barolos und feinen Burgundern nicht mehr weit weg ist”, so Luigi. Er ist fast Verführer; potent, fette rote Früchte, die Säure ist Aglianicopraxis, Wurzeln, China, Rhabarber, Irpinische Muschelerde.
Das Jahr 2009 war schwierig und viele Taurasi wurden gar nicht produziert, nicht bei Tecce, er brachte wieder ein Unikat: die Frucht von 2008 ist Lakritze und Johannisbrot geworden, die Potenza Eleganz und Raffinesse in zwei Worten: 2008 dicht wie Bud Spencer und 2009 fein wie Terence Hill.

Luigi beendet die Verkostug damit: “Wenn jemand zwei Jahrgänge meiner Weine nicht unterscheiden kann, ist der Wein entweder eine illegale Kopie oder der Verkoster sollte lieber Bier trinken.”

Die süditalienische Sonne, die komplexe Terroirstruktur und die mitteleuropäischen Temperaturschwankungen vereingt mit großartigen Aglianicoreben - was will ein Weinmacher mehr?
Und das könnten die neuen jungen Aglianicowinzer von Luigi Tecces lernen: Leidenschaft, damit man einmal sagt: “der Nebbiolo ist der Aglianico des Nordens!”

Diplom Sommelier Ernesto Lomio.

2014

Dott. Ernesto Lomio, Tegetthoffstraße 44/5, 4020 Linz - Austria, +43 699 190 524 77, ernesto@kultur-des-genusses.at mailto:ernesto@kultur-des-genusses.at